Funktionen des Waldes bewahren – Umweltminister der ostdeutschen Länder unterzeichnen Erklärung für einen zukunftsfähigen Wald

Pressemitteilung des Ministeriums Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz vom 23.Juli 2021

Potsdam – Brandenburgs Forst- und Umweltminister Axel Vogel hat heute zusammen mit Wolfram Günther und Anja Siegesmund, Umweltminister und -ministerin aus Sachsen und Thüringen, und dem Landwirtschaftsstaatssekretär Sachsen-Anhalts, Dr. Ralf-Peter Weber, eine gemeinsame Erklärung für eine Waldpolitik der Zukunft unterzeichnet und auf einer Exkursion die Klimaschutzfunktion intakter Wälder unterstrichen. Im Austausch mit Förstern im sächsischen Werdauer Wald ging es um Maßnahmen zum Erhalt und zur Entwicklung klimastabiler Wälder. 

Forst- und Umweltminister Axel Vogel: „Die Klimakrise ist längst auch im Brandenburger Wald angekommen und stellt uns und unseren Wald vor immense Herausforderungen. Es ist zu befürchten, dass ihre Folgen mit Extremwetterereignissen, wie Dürren, extremen Niederschlägen oder Orkanen, in Zukunft auch hier zum Normalfall werden. Wohin das jetzt schon führt, zeigt unser jährlicher Waldzustandsbericht. Demnach erleiden Brandenburgs Wälder starke Vitalitätseinbußen. 2020 wiesen 40 Prozent der Buchen und 48 Prozent der Eichen deutliche Schäden auf.

Um unsere Wälder zu schützen und widerstandsfähiger gegen die Folgen der Klimakrise zu machen, ist entschlossenes Handeln erforderlich. Hier braucht es vor allem den Waldumbau, um die Widerstandsfähigkeit und die Anpassung des Waldes an den Klimawandel zu verbessern. Wir brauchen zukünftig möglichst viele verschiedene Baumarten und dabei ausreichend Laubholz auf der Fläche“, so Axel Vogel.

„Daneben ist der Schutz des Waldes für Brandenburg als das Land mit den meisten Waldbränden und einem hohen Wildbestand essentiell. Ein effektives Jagdgesetz ist gerade in der Erarbeitung. Das Anlegen von Waldbrandschutzwegen und -schutzriegeln sowie von Löschwasserentnahmestellen wird in Brandenburg zu 100 Prozent gefördert. Die beiden Waldbrandmeldezentralen im Land haben sich zudem als ein verlässliches Warnsystem erwiesen.

Aus unserer Sicht braucht es aber auch mehr Anstrengung durch den Bund. Die so genannte Waldprämie ist ein guter und wichtiger Schritt. Allerdings dürfen hier nicht die gleichen Fehler gemacht werden, wie bei der alten Agrarförderung. Es braucht eine Honorierung von ökologischen Leistungen und nicht nach Fläche. Nur so können wir die zahlreichen Waldbesitzer, auch in Brandenburg, überzeugen, dabei mitzuhelfen, die wichtigen Funktionen des Waldes zu erhalten“, erklärt Forst- und Umweltminister Axel Vogel.

Zu den nächsten Umweltminister- und Agrarministerkonferenzen soll gemeinsam mit Bund und Ländern ein Fahrplan für eine ökologische Waldprämie vereinbart werden, um schnellstmöglich Standards in Bundeswald- und Bundesjagdgesetz zu verankern und Förderinstrumente anzupassen.  

Die gemeinsame Erklärung für eine klimaschützende Waldpolitik der Zukunft (im Anhang) enthält unter anderem folgende Punkte:

  • Waldumbau: Eine zielgerichtete Förderung durch die EU, den Bund und die Länder innerhalb der vorhandenen Finanzierungsinstrumente wie der GAK muss entsprechend der Herausforderungen durch die Klimakrise weiterentwickelt und verstetigt werden. Als Ergänzung zur Naturverjüngung ist neben der Verwendung von herkunftsgesichertem Saatgut bei Freilandsaaten auch die Nutzung von herkunftsgesicherten Pflanzgut bzw. Wildlingen erforderlich. Waldbesitzer (alle Besitzarten), die ihrer Verantwortung für die Zukunft unserer Wälder in besonderer Weise gerecht werden, sind hierin stärker zu unterstützen. Gezielte Waldumbaumaßnahmen müssen attraktiv gefördert werden. Alle finanziellen Förderangebote setzen effektive Anreize, Klimaschutz- und Ökosystemleistungen der Wälder über das gesetzliche Mindestmaß hinaus nachhaltig zu erhöhen.
  • Waldschutz: Schäden durch Wildverbiss müssen durch eine effektive, tierschutzgerechte Jagd deutlich auf ein waldverträgliches Maß reduziert werden. Die jagdrechtlichen Vorschriften müssen daher noch stärker auf die notwendige nachhaltige Sicherung der Waldfunktionen ausgerichtet werden. Die Waldbrandvorsorge ist durch Waldumbau hin zu Misch- und Laubwäldern, die Anlage von Waldbrandschutzriegeln, die Waldbrandüberwachung mit moderner Technik sowie die Anlage von Löschwasserentnahmestellen und Waldbrandschutzwegen umzusetzen. Die Forschung zum Waldschutz mit biologischen Mitteln bzw. präventiven Bewirtschaftungsansätzen soll intensiviert werden.
  • Wasserspeicherkapazität: Sie muss erhalten und erhöht werden, indem Niederschlag z. B. besser in Biomasse und Totholz auf den Flächen gespeichert wird. Sich aufbauende Abflusskonzentrationen (z.B. entlang von Wegen oder Geländeeinschnitten) müssen gemindert werden. Das Wasser kann zum Beispiel in die Fläche abgeleitet oder gezielte in Tümpeln, Teichen und Weihern zurückgehalten werden.  Der Waldboden ist befahrungs- und verdichtungsempfindlich. Bei der Waldpflege und Holzernte müssen die Maschinen daher bodenschonend eingesetzt werden, um die Böden nicht unnötig zu schädigen.
  • Holznutzung: Die langfristige Nutzung von Holz und die stoffliche Substitution nichtregenerierbarer Ressourcen durch Holz leisten einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz sowie eine CO2-neutrale Wirtschaftsweise. Die vorrangige Bedarfsdeckung für Bau- und Möbelholz vor Energieholz, Zellstoff oder andere kurzlebige Verwendungen sollte angestrebt werden. Die Forschung auf diesem Gebiet, innovative Ideen für neue Produkte sowie ein verbessertes Design von holzbasierten Erzeugnissen (einfacheres Recycling und Wiederverwendung) sollten gezielt unterstützt werden. Verbraucher müssen besser bei der Produktauswahl unterstützt werden, indem Informationen über den ökologischen Fußabdruck von Holzerzeugnissen im Vergleich zu Nicht-Holz-Alternativen bereitgestellt werden. Durch den Bundesrat soll daraufhin gewirkt werden, dass verpflichtende Herstellerangaben zur CO2-Bilanz der Herstellung sowie der Herkunft der Grundstoffe insbesondere auf Vorprodukten, Baustoffe und Materialien eingeführt werden.

Bambis Schutzpatronin heißt Elsa

Die Rehkitzretter Brandenburg retten Tierbabys das Leben, heimlicher Star ist die Drohne ELSA

Mit Technik und Herz suchen die Freiwilligen Helfer der Rehkitzrettung Brandenburg die Wiesen vor der Mahd ab. Die zentrale Rolle übernimmt Elsa, die Drohne. Doch ohne das Zusammenspiel von Landwirten, Jägern und ehrenamtlichen Helfern könnten nicht so viele Kitze, wie in diesem Jahr gerettet werden. 119 Tierbabys haben sie vor einem grausamen Ende auf der Wiese bewahrt

Text von Silvia Passow, Fotos Lutz & Silvia Passow 

Wenn der Tag erwacht

Ein Hauch von Tageslicht liegt über der Wiese, die Luft ist klar und kalt. Noch steht der Mond hoch am Himmel, ein Fasan ruft, im Graben geben die Frösche ihr morgendliches Konzert. Der Morgen ist noch so unverbraucht, es könnte ein guter Tag werden.

Für die Pferde ist der frühe Besuch erstaunlich, neugierig kommen sie näher

Willkommen auf der Wiese

Acht freiwillige Helfer haben sich in aller Frühe versammelt, ihre Mission, Rehkitze einsammeln, bevor der Landwirt die Wiese mäht. Die freiwilligen Helfer gehören zur Rehkitzrettung Brandenburg, mit dabei, Vereinsgründer und Drohnenpilot Frank Neumann aus Dallgow-Döberitz im Havelland. Er erinnert an die letzte Flugreise, wenn er für alle hörbar die Flugzeit angibt. Immerhin, niemand muss den Sitz in eine aufrechte Position bringen. Liegen wäre um diese Zeit, es ist etwa 3.30 Uhr am Morgen, auch wirklich fatal. 

Im Takt der Drohne

Zweierteams formieren sich, einer trägt ein Funkgerät um den Hals, jeder hat eine Kiste und rot-weiße Flatterleine dabei. Ein Moment der Überwindung, denn das Gras der Wiese steht hüfthoch und wie sich nach dem dritten Schritt zeigt, es ist nass. Nicht nur ein bisschen feucht vom Tau, sondern richtig nass und schon bald sehr, sehr kalt. Oben dreht die Drohne Elsa surrend ihre Runden, langsam arbeiten sich die Zweierteams durch die Wiese. Die großen Halme machen es den Füßen schwer, unmöglich zu sehen, worauf der Fuß treten wird. Was neben der schmalen Schneise liegt, die die Teams in die Wiese laufen, bleibt das Geheimnis der Wiese. Mühsam heben sich die Füße, Halme legen sich wie Fußangeln um die Knöchel, achtsam setzen die Teams ihren Weg fort, schauen, lauschen angespannt.

Verharren auf der Wiese, den Geräuschen der Nacht lauschend, den Duft der Gräser genießen, Fotos machen und gespannt auf die Stimme aus dem Funkgerät erwarten

Die Stille wird durch ein kurzes Schnarren, gefolgt von Neumanns Stimme, unterbrochen. Er hat mit Elsas Hilfe etwas entdeckt, Kathrin ist der Drohne am nächsten, sie folgt seinen Anweisungen, Schritt für Schritt, bleibt stehen, bückt sich. Wieder schnarrt das Funkgerät. „Kein Kitz, eine Liegestelle. Sie ist noch warm“, lässt sie die Gruppe wissen. Elsa surrt davon und unten nehmen sie wieder ihre Positionen ein. Wieder kündigt das Schnarren im Funkgerät Neumanns Stimme an. Die Drohne hat etwas entdeckt, diesmal ist Lutz dem vermuteten Rehkitz am nächsten. „Nach vorn, nach vorn, langsam weiter nach vorn, etwas nach links“, dirigiert Neumann und Lutz folgt. „Nun stehen bleiben und schau mal direkt vor dir“, gibt Neumann Anweisung. Und diesmal ist es ein Rehkitz, klein, zerbrechlich, hilflos liegt es in der Wiese. Lutz stülpt die Kiste über das Kitz, damit es nicht fortspringt. Er schaut kurz auf, die Augen glänzen vor Freude, Kathrin nähert sich.

So klein und zart, sie sind rasch zu übersehen, die kleinen Rehkitze

Während es für Lutz die erste Begegnung mit einem Rehkitz ist, ist Kathrin bereits seit zwei Jahren im Team. Um zu vermeiden, dass der menschliche Geruch auf das Kitz übergeht, tragen alle im Team Einweghandschuhe. Zusätzlich rupft Kathrin Gras ab, legt es in die Kiste, behält viele der langen Halme in den Händen. Erst jetzt hebt sie, mit den Grasbüscheln zwischen ihren Händen und dem Kitz, das Kleine vorsichtig hoch und setzt er behutsam in den Korb. Deckel rauf und gesichert.

Gemeinsam geht es besser, Lutz sichert das Kitz, Kathrin zupft Gras und wird das Kitz damit in den Korb legen

Der wird in den Schatten einiger Büsche am Wiesenrand gestellt. Manchmal kann er auch am Fundort bleiben, wird mit Flatterleine gesichert und der Landwirt fährt mit dem Mähwerk um die kleine Rettungsinsel aus Gras herum. Wenn die Mahd vorbei ist, wird das Kitz, nahe dem Fundort, in die Freiheit entlassen.

Aufgepasst, Ortswechsel zur Lebensrettung. Kathrin ist aufmerksam und sanft zugleich, das Rehkitz wird vorsichtig in den Korb gelegt.

Leben retten fühlt sich einzigartig an

Das Kitz kuschelt sich ins Gras und Lutz strahlt noch immer. Zu wissen, man hat das kleine Wesen vor einem grausigen Schicksal bewahrt, ist einfach wunderbar, wird er später sagen. Jetzt geht es erst einmal zurück in die Wiese. Oben zieht Elsa ihre Kreise. Die Zeit drängt, um sieben Uhr will der Landwirt mähen und dann ist da noch die Sonne, steht sie erst einmal hoch am Himmel, wird es für Elsa und ihre Wärmebildkamera schwieriger, die Rehkitze zu finden.

Elsa ist die Heldin im Team

Der grausige Tod in den Wiesen

100 000 Rehkitze im Jahr, so die Schätzung, werden in Deutschland beim Abmähen der Wiesen getötet werden. Dazu kommen noch Hasenjunge und Gelege von bodenbrütenden Vögeln. Nester sind noch schwerer zu finden als Rehkitze, gelingt dies dennoch, werden die Fundorte mit rot-weißer Flatterleine markiert.

Und sie sucht unermüdlich nach Rehkitzen

Folgsame Jungtiere

Die Verstecke im Gras sollen die Rehkinder schützen. Die Ricke, die Mutter des Kitzes, versteckt ihr Junges, denn es könnte nicht davonlaufen, sollte sich ein Raubtier nähern. Die Kleinen warten brav auf die Mutter, bei Gefahr ducken sie sich tiefer ins Gras hinein, flüchten jedoch nicht. Eine bewährte Strategie zum Schutz vor Räubern, doch wenn die Gefahr von den Messern eines Mähwerkes ausgeht, reicht dieser Schutz nicht. Die Tierkinder werden verstümmelt und sterben einen qualvollen Tod. Die etwas älteren Rehkitze suchen durchaus ihr Heil in der Flucht, wenn sie die Gefahr erkennen. Sie springen ab, heißt das im Fachjargon. Rehkitze sind sehr folgsame Tierkinder. Sie kehren an die Stelle zurück, an der die Mutter sie ablegte. Ob sie rechtzeitig dem Mähwerk entkommen können, hängt vom Einzelfall ab. Besser ist also auch sie einzufangen, einfach ist das allerdings nicht.

Gar nicht so selten, Zwillinge, die dürfen dann auch gemeinsam ins Körbchen

Landwirte & Jäger sind gefragt

Landwirte sind verpflichtet, vor der Mahd Maßnahmen zu ergreifen, die dies verhindern. Manche stellen Flatterbänder auf oder beschallen die Wiese mit Musik. Die Wirksamkeit der Methoden ist verscheiden, die Wiese kurz vor der Mahd mit einer Drohne abzusuchen, gilt als sehr zuverlässige Möglichkeit zur Rettung für die Kitze.

Und immer wieder schöne Momente auf den Wiesen

Jäger Jochen Aderhold gehört zum Team der Rehkitzretter. Er erzählt, früher habe er mit Schulklassen die Wiesen vor der Mahd abgesucht. Bevor die Drohne ins Spiel kam, suchten die Rehkitzretter die Wiesen nur mit den Augen ab. Dann kam Frank Neumann auf die Drohne. Die trägt den Namen Elsa, weil sie auch schon mal ausgerissene Hunde suchen sollte. Einer davon hieß Elsa und kam an ihrem Geburtstag ganz von selbst nach Hause. Unversehrt und gesund, so sollen auch die Rehkitze zur Mutter zurückkommen. Somit erhielt die Drohne den Namen Elsa.

Haben Freude an der Mission, Frank Neumann und Jochen Aderhold

Mission Rehkitz retten  

Das Geld für so manchen Urlaub ging in diese technische Aufrüstung. Statt ausschlafen und Cocktails am Strand, mitten in der Nacht aufstehen und Rehkitze retten. Für Frank Neumann und Marina Stolle, die die Rehkitzrettung Brandenburg ins Leben riefen, eine Mission, die nicht nur Kitze rettet. Als Marina Stolle vor Jahren zum ersten Mal vom Tod unter dem Mähwerk erfuhr, ließ sie der Gedanke nicht mehr los. Hier muss was geschehen, sie zog los, informierte sich, lernte die Sprache der Jäger, warb bei Landwirten für die Rehkitzrettung. So oft sie kann ist sie mit dabei, nimmt Urlaub, für die Rettungsmission auf den Brandenburger Wiesen.

Auch die Autorin muss mit ran und darf ein Rehkitz ins Körbchen legen

Die Magie des frühen Morgens

Die Wiesen haben so früh am Morgen ihren eigenen Zauber, die Geräusche der ausklingenden Nacht gleichen meditativen Klängen. Der unschuldige Blick aus braunen Rehaugen lässt pures Glück durch die Adern rauschen. Für Neumann ist die Rehkitzrettung eine Mission, die ihn einmal gepackt und nun nicht mehr loslässt. Allerdings gibt sie auch viel zurück, diese Sonnenaufgänge auf den Wiesen, seine Art, innere Erholung zu finden, sagt er. 

Und noch mehr Wiesen-Zauber

Ein Brandenburg weites Netzwerk geplant

In diesem Frühsommer waren sie täglich unterwegs, Frank Neumann hofft, dass der Verein über das neue Förderprogramm Geld für eine weitere Drohne bewilligt bekommt. Denn die Nachfrage steigt, und gleichzeitig wirbt der Verein bei weiteren Landwirten für die Drohnensuche.

So sehen glückliche Rehkitzretter aus

Nicht nur für Rehkitze tödlich  

„Nicht alle Landwirte kommen ihrer Verpflichtung nach und informieren vor der Mahd den Jäger zum Absuchen der Wiesen“, sagt Neumann. In Bayern wurde vor zwei Jahren ein Landwirt zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er zwei Rehkitze beim Mähen getötet hatte, berichtet Jäger Aderhold. Denn das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund verstößt gegen das Tierschutzgesetz. Die Deutsche Wildtierstiftung weist darauf hin, dass die Kadaver, wenn sie in die Futtersilage gelangen, zur Vergiftung der Rinder, die damit gefüttert werden, führen kann. Eine der anwesenden Jägerinnen kennt einen Fall aus „ihrem“ Dorf, bei dem zwei Pferde starben, nachdem sie von der Silage gefressen hatten, die mit einem Kadaver versucht war. Jäger Aderhold weiß genau, welche Landwirte in der Region, ob mit oder ohne Hilfe, ihre Wiesen vor der Mahd absuchen, sagt er. Er sieht, wann das Mähwerk wieder Opfer forderte, doch vom Anzeigen der Landwirte hält er nicht viel. Denn dann, so die Befürchtung, wäre die Bereitschaft, die Wiesen vorher von den Rehkitzrettern absuchen zu lassen, noch geringer.

Ich bin gar nicht da, scheint das Bambi ausdrücken zu wollen

Pro & Contra

Einer der ersten Landwirte, der mit den Rehkitzrettern kooperierte ist Willi Groß aus Dallgow-Döberitz. „Ich war er skeptisch, ich kannte die Leute ja nicht und ich wusste auch nicht, dass sich dafür überhaupt jemand interessiert.“ Sagt Groß und erzählt, er habe von seinem Großvater gelernt, die Wiesen vor der Mahd selbst abzugehen. „Das ist sehr aufwendig, gehört aber dazu, wenn man für Naturschutz einsteht. Mit der Drohne geht die Suche schneller und ist effektiver“, sagt Landwirt Groß. Ähnlich sieht das auch Fabian Engelmann, Landwirt aus Leidenschaft, wie es sich selbst vorstellt. „Ich würde, wenn es das gäbe, auch im nächsten Leben Landwirt werden“, sagt der 24jährige aus Wustermark. Es sind seine Wiesen, die das Team an diesen Morgen durchsucht. Engelmann sagt: „So fahre ich mit einem viel besseren Gefühl über die Wiese.“ Er selbst hat durch die Rehkitzretter noch nie ein totes Rehkitz auf seinen Wiesen gefunden. Aber er kennt die Geschichten, auch von Landwirten aus der Umgebung, sagt er. Und es gibt Landwirte, die den Dienst der Freiwilligen als unerwünschten Eingriff in ihre Arbeit betrachten. So auch eine Landwirtin aus Wustermark, die sich schimpfend über die ewige Einmischung in die Arbeit der Landwirte beklagt.

Manche Begegnung auf den Wiesen findet ohne Reh dafür mit anderen schönen Tieren statt

Das Beste zum Schluss

Über Engelmanns Traktor mit dem Mähwerk kreisen die Schwarzmilane, sie suchen im frisch geschnittenen Gras nach Mäusen. Beutetiere, die durch das Mähen aufgescheucht wurden, sucht auch der Storch, der dem landwirtschaftlichen Gerät folgt. Kaum hat Engelmann die Wiese verlassen, holen die Rehkitzretter die Kiste mit dem Kitz vom Waldesrand. Etwas abseits der Fundstelle steht das Gras noch hoch. So wie das Kitz in die Kiste gelegt wurde, geht es zurück. Zum Schluss wird es mit dem Gras zugedeckt.  „Das ist für mich der allerschönste Moment“, sagt Frank Naumann, blinzelt in die morgendliche Sonne. Ein kurzer Blick noch, dann entfernt sich das Team, die Ricke wird das Kleine bald holen, allerdings erst, wenn die Menschen sich entfernt haben, erklärt Aderhold und lässt den Blick über die Wiese wandern. Wie verändert die Landschaft nun wirkt, die Sonne steht hoch, der Geruch des gemähten Grases krabbelt in der Nase. Es kreisen keine Raben über der Wiese, ein gutes Zeichen, alle Kitze gefunden. Ein guter Tag für die Rehkitzretter, für Landwirt Engelmann und natürlich für das Rehkitz. 

Was die Wiese wohl versteckt hält?

Gesichert wird, was Elsa entdeckt

Dass nicht nur Rehkitze gerettet werden, wird einige Tage später offenbar. Nahe Potsdam finden die Rehkitzretter ein Trappengelege in einer der Wiesen. Die zu den schwersten flugfähigen Vögeln der Welt gehörenden Großtrappen sind streng geschützt. Vogelnester finden ist schon eine deutliche Herausforderung. Bei einem der letzten Einsätze fanden die Rehkitzretter keine Rehkitze mehr, dafür das Nest einer Feldlerche mit drei Küken, die mit Flatterleine gesichert wurden.

Nach jedem Einsatz gibt´s ein Foto, so auch hier bei Hoppenrade

Eine freudige Bilanz

Der Einsatz und die vielen schlaflosen Nächte haben sich wieder gelohnt. Wurden im letzten Jahr 52 Rehkitze durch die Rehkitzrettung Brandenburg gerettet, waren es in diesem Jahr 119 Reh-Kinder. Ein schöner Erfolg, besonders wenn man dabei sein durfte. Ausschlafen wird eben doch überbewertet, zumindest wenn die Wiese ruft.

Mehr zur Rehkitzrettung Brandenburg gibt es unter: https://www.rehkitzrettung-brandenburg.com


Tag der offenen Tür auf der Streuobstwiese Dyrotzer Luch

Der NABU Osthavelland lädt am 31.Juli zu einem Tag voller natürlicher Entdeckungen auf der Streuobstwiese im Dyrotzer Luch ein. Auf der über 10 Hektar großen Streuobstwiese steht eine Vielzahl an Obstbäumen in einer überwiegend offenen Graslandschaft. Derzeit wird ein Teil der Wiese von Schafen und Rindern beweidet. Neben idyllischen Sitzgelegenheiten laden ein Barfußpfad und ein kleiner Teich zu Erkundigungen ein. Wer mit der Idee liebäugelt, einen Steinhaufen im Garten für kleine Säuger und Insekten anzulegen, kann sich hier Inspiration und fachlichen Rat einholen. Ab 16 Uhr werden gemeinschaftlich Vögel bestimmt und beringt, mit Einbruch der Dämmerung werden die dort heimischen Fledermäuse genauer unter die Lupe genommen und vorgestellt.

Verpflegung muss mitgebracht, Müll auch wieder mitgenommen werden. Die Streuobstwiese bietet ein schönes Naturerlebnis, der Weg dorthin führt durch romantisches Grün, kann zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden. Die Anfahrt mit dem PKW ist bis Eutiner Straße (verlängerter Dyrotzer Weg) möglich. Dort parken, am Poloplatz vorbei dem Feldweg folgen. Die nächste Möglichkeit nach dem Poloplatz rechts abbiegen, jetzt sollte der Eingang zur Streuobstwiese in Sichtweite sein. Los geht um 10Uhr, gegen 21 Uhr werden die offenen Türen wieder geschlossen.

Dem Käfer auf der Spur

Über den Eremiten, einem sehr seltenen Käfer im Leitsakgraben, habe ich an dieser Stelle bereits des Öfteren berichtet. Meist ging es dabei um die Heimat der Käfer, die alten Eichen. Den Eremiten kennenlernen, dabei sein „Wohnzimmer“ den Eichen-Hainbuchenwald im Leitsakgraben bei Nauen erkunden und die Käfer-Verwandtschaft treffen, das geht am Samstag, 24.Juli. Von 15-18Uhr führen der Ortskundige Käferexperte Tobias Mainda und der für seine Berliner Käfer-Exkursionen bekannte Insektenforscher Jens Esser, durch das Fauna-Flora-Habitat (FFH) Gebiet Leitsakgraben. Gemeinsam begibt man sich auf die Suche nach den seltenen Käfern. Die Aussicht, die im verborgenen lebenden Käfer zu finden, ist sehr gut, denn die beiden Experten wissen genau, wo sie suchen müssen. Und während im Totholz die Spur der Käfer aufgenommen wird, berichten die Beiden wissenswertes, erstaunliches und erheiterndes aus der Welt der Käfer. Treffpunkt ist der Parkplatz beim Imbiss am Weinberg, Graf-Arco-Straße 144, Nauen. Wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk werden empfohlen, auch an ausreichend Getränke sollte gedacht werden. Veranstalter ist der NABU, die Corona Regelungen und Anmeldung zur Exkursion gibt es unter: www.nabu-osthavelland

Helfende Hände für Naturschutzarbeit gesucht

Bewegung an der frischen Luft, Menschen kennenlernen und der Natur etwas Gutes tun. Wenn diese Dinge auf der persönlichen Wunschliste stehen, dann ab ins „Paulinenauer Luch & Lindholz“. Am Samstag, 17.Juli werden helfende Hände und wacher Blick bei der Entbuschung einer Waldlichtung gesucht. Anschließend gibt es eine botanische Führung durch diesen ganz besonderen Lebensraum.

Bequeme, wetterfeste Kleidung wird empfohlen, Werkzeug ist vorhanden, Arbeitshandschuhe und Gehörschutz müssen mitgebracht werden. Sonnencreme und Verpflegung für ein Picknick aus dem Rucksack sollten ebenfalls mitgebracht werden. Los geht’s um 9:15Uhr, Treffpunkt ist der Parkplatz am Bahnhof Paulinenaue. Gegen 14 Uhr endet die Veranstaltung voraussichtlich. Es gelten die aktuellen Corona-Eindämmungsbestimmungen. Um eine Anmeldung wird gebeten unter: www.NABU-Osthavelland gibt es ein Anmeldeformular und weitere Informationen.

NABU-Aktion: Schwalben willkommen

Pressemitteilung des NABU Brandenburg vom 14.Juli 2021


Biehlen als erstes „schwalbenfreundliches Dorf“ ausgezeichnet 


Bereits seit 2012 zeichnet der NABU Brandenburg Schwalbenfreunde aus, die an ihren Häusern oder in ihren Ställen Schwalben dulden oder sie sogar aktiv unterstützen. Mit Biehlen, einem Ortsteil der Gemeinde Schwarzbach, wurde heute erstmals ein ganzes Dorf ausgezeichnet.

Friedhelm Schmitz-Jersch, Vorsitzender des NABU Landesverbandes Brandenburg, reiste in den Landkreis Oberspreewald Lausitz, um das Engagement des Dorfes für den Schwalbenschutz zu würdigen. Mit im Gepäck Urkunde und ein Schild, dass die Passanten schon am Ortseingang auf die Besonderheit des Ortes hinweist. „Als wir hörten, dass es in Biehlen in etwa genauso viele Schwalbennester wie die 270 Einwohner gibt, war uns klar, dass hier auffallend viele schwalbenfreundliche Menschen wohnen“, so Schmitz-Jersch „nur, wenn sich viele Menschen für den Schutz der gefährdeten Gebäudebrüter, aber auch für den Schutz der Insekten als deren Nahrungsgrundlage engagieren, können wir dem Abwärtstrend bei unseren heimischen Schwalbenarten entgegenwirken“. 

Das Schild „Schwalbenfreundliches Dorf“ wurde dem stellvertretenden Ortsvorsteher Karl-Heinz Marschka übergeben. Im Anschluss wurden gemeinsam die Biehlener Schwalbenfreunde Karsten Haschenz und Familie Tietze, auf deren Grundstück sich allein 30 Schwalbennester befinden, ausgezeichnet.

Marschka, der sich ehrenamtlich ebenfalls im NABU engagiert, hat schon einige seiner Biehlener Nachbarn für die Auszeichnungen mit Urkunde und Plakette „Schwalben willkommen“ vorgeschlagen. So z.B. die Gaststätte Sommer mit mehr als 40 Nestern und den Pferdehof Noack mit ca. 50 Nestern, aber auch kleinere Höfe mit Schwalbenkolonien von durchschnittlich 5 bis 6 Nestern. „Wir Biehlener sind sehr stolz auf „unsere“ Schwalben. Im Frühling, zu Beginn der Brutzeit kommen etwa 500 Schwalben zu uns. Am Ende des Sommers sind es dann mehr als 2.000 Tiere die wieder Richtung Süden ziehen; Mehl- und Rauchschwalben im Verhältnis von ca. 60:40“, schätzt Karl-Heinz Marschka die Bruterfolge ein.

Schmitz-Jersch berichtet: „Der NABU freut sich über besonders viele Bewerbungen und Auszeichnungen von Schwalbenfreunden in diesem Jahr. Schon jetzt sind allein in Brandenburg 117 Bewerbungen eingegangen. Zum Vergleich: 2019 waren es am Jahresende 90 Bewerber und Bewerberinnen.“

Im Anschluss an die Ehrungen unternahmen Biehlener und Gäste noch einen kleinen Ausflug zum „Rostigen Nagel“, einem Besucherturm nahe des Senftenberger Sees, wo man nicht nur weit ins Seen-Land, sondern auch die 40 Schwalben, die sich am Turm angesiedelt haben, sehen kann.


Hintergrund Biehlen:
•    ist ein altes Fischerdorf (Ersterwähnung 1365. Die Regulierung der Schwarzen Elster um 1860 und der folgende Braunkohlebergbau legten die Landschaft dann „trocken“. Bis dahin war Biehlen von einer Landschaft ähnlich des Spreewaldes umgeben.
•    Biehlen liegt im Landschaftsschutzgebiet „Elsterniederung und westliche Oberlausitzer Heide zwischen Senftenberg und Ortrand“, welches bereits 1969 durch den Rat des Bezirkes Cottbus ausgewiesen wurde und sich zurzeit in der Evaluierung durch das Land Brandenburg befindet; der übrige Teil des damaligen Kreises Senftenberg wurde zu einem großen Teil vom Bergbau in Anspruch genommen

Hintergrund Schwalben in Brandenburg:
Es gibt drei Schwalbenarten in Brandenburg. Rauch- und Mehlschwalben sind als Gebäudebrüter besonders auf den Schutz durch den Menschen angewiesen sind. Die Uferschwalbe brütet in Steilufern und Abbruchkanten.
Die Rauchschwalbe, die innerhalb von Gebäuden brütet, musste schon in die Rote Liste der gefährdeten Arten Brandenburgs aufgenommen werden. Wurden 1996/1997 noch 150.000 – 300.000 Brutpaare gezählt, waren es 2005/2006 nur noch 50.000 – 100.000. Aktuell geht man für Brandenburg von einem Bestand von 37.000 – 55.000 Brutpaaren aus.
Der Trend bei den Mehlschwalben, die ihre Nester an den Außenwänden von Gebäuden baut, bewegt sich ebenfalls in eine negative Richtung. Gegenwärtig gibt es ca. 35.000 – 55.000 Brutpaare in Brandenburg (Rote Liste 2019). Laut Roter Liste von 2008 gab es in Brandenburg im Zähljahr 2005/2006 noch 50.000-100.000 Brutpaare.

Mähroboter nur tagsüber betreiben

Pressemitteilung der Gemeinde Wustermark-Fachbereich Klima und Umwelt vom 12. Juli 2021

Wie Igel vor den Gefahren der praktischen Helfer bewahrt werden können

Leise und elegant schlängelt sich der Mähroboter seinen Weg durch den Garten und sorgt so mit wenig Aufwand für ansehnliche Erholungsflächen. Größeren Hindernissen weiß er geschickt auszuweichen. Doch den kleinen Igel, der sich im letzten Moment zusammenkugelt und so versucht, sich vor dem unbekannten Gerät zu schützen, nehmen seine Sensoren nicht wahr. Das Einkugeln, das Igeln ansonsten stets das Überleben sichert, wir hier zur tödlichen Gefahr. „Diese Situation, dass Igel verletzt oder getötet werden, kann in vielen Gärten in der Gemeinde Wustermark der Fall sein, denn leider sind Rasenroboter mehr und mehr auf dem Vormarsch und gefährden so nachts die Igel.“ Beschreibt Alexandra Livet die Lage. Die Elstalerin pflegt im Rahmen des Netzwerks „Igelritter Elstal“ kranke und verletzte Igel und wildert diese später wieder aus. Holger Schreiber, Bürgermeister der Gemeinde Wustermark bittet daher alle Besitzer von Mährobotern, dass diese so programmiert werden, dass sie ihre Arbeit nicht in der Dämmerung oder Dunkelheit verrichten. „In der Dunkelheit sind nicht nur Igel, sondern auch andere Kleinlebewesen aktiv, die wir vor der Gefahr von Mährobotern schützen sollten.“, so Schreiber. Alexandra Livet ergänzt: „Da auf kurz gemähten Flächen wenig Raum für Artenvielfalt ist, sollten Gartenbesitzer auch naturnahe Ecken anlegen, in denen Igel, Insekten und andere kleine Tiere einen sicheren Rückzugsraum finden können.“

Neues Leben in der Grubenlanke

In Mögelin haben die Stadt Premnitz und der NABU einen neuen Sehnsuchtsort geschaffen

Text & Fotos von Silvia Passow

Premnitz/Mögelin.   Heinz-Jürgen Müller kann sich kaum sattsehen, an all dem Grün und dann dieses klare Wasser! Endlich kann dieses Stück Natur wieder atmen, aufblühen, Wasser ist Leben und für dieses Leben soll hier, in der Grubenlanke, nun wieder Platz sein. Dreimal schon hatte der Ur-Mögeliner versucht, den Seitenarm der Havel zu retten, erzählt er. Zu DDR-Zeiten und dann gleich wieder nach der Wende. Beide Male erfolglos. Doch nun, im dritten Anlauf wurde alles gut und Müller freut sich, dass er das noch erleben darf, sagt er. Die kleine Insel gegen dem Ort Mögelin wurde einst landwirtschaftlich genutzt, zuletzt machten ein paar ausgerissene Bullen von sich reden. Nun steht das Schilf mannshoch und die unterschiedlichsten Vogelstimmen piepsen aus dem dichten Grün.

Im neuen blau-grünen Gewand zeigt sich der Seitenarm der Havel bei Mögelin

Müller vermisste den Fischreichtum und Vögel wie Kiebitz und Bekassine und den Ruf der Rohrdommel. Der 83jährige war 1960 dem Angel-Verein beigetreten. Er erinnert sich zurück, als der Kahnhafen gebaut wurde und Badestellen geplant waren. Müller kennt jede Ecke und Biegung der Lanke mit Namen. Bei der offiziellen Einweihung und Vorstellung der renaturierten Grubenlanke war er dabei. Zusammen mit Rocco Buchta vom NABU, dem Bürgermeister der Stadt Premnitz Ralf Tebling (SPD) und einigen handverlesenen Gästen, durfte er zur Einweihung mit dem Kahn in die Lanke, statt in See, stechen.

Rocco Buchta vom NABU (li) und Ralf Tebling, Bürgermeister der Stadt Premnitz genießen die “neue” Grubenlanke bei einer Kahn-Fahrt

2005 begann das größte Fluss-Renaturierungsprojekt Europas, die Untere Havel sollte wieder zu dem Fluss werden, der sie einmal war, mit weiten Wiesen und Auen in ihrer Nachbarschaft und unbefestigten Ufern. Dabei werden die sogenannten Altarme wieder an den Hauptfluss angeschlossen. Von oben betrachtet erinnert die Havel an einen Baum, mit dem Fluss als Stamm. An den Seiten wachsen überall Äste heraus, die Altarme. Einer dieser „Äste“ ist die Grubenlanke. Als 2005 die Renaturierung der Havel zwischen Havelberg und Pritzerbe begann, hatte man auch in Premnitz die Hoffnung, die Grubenlanke könne Teil des Programms und damit zu alter Schönheit zurückfinden. Doch dann reichte das zur Verfügung stehende Geld nicht. Das wollte man in Premnitz nicht einfach so stehen lassen und nahm die Sache selbst in die Hand. Gemeinsam mit dem NABU und seinem Experten Rocco Buchta, konnte das Projekt in Angriff genommen werden.  

Erholung auf dem Wasser, dank der Stadt Premnitz und dem NABU ist das hier wieder möglich.

Bevor im September letzten Jahres die Baufahrzeuge anrollten, waren viele Formalitäten fällig. So sah der ursprüngliche Plan die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen vor. Die wurden zwar seit geraumer Zeit nicht als solche genutzt, abgeben mochte man sie dennoch nicht, berichtet Buchta. Mit der Ersatzlösung muss die Lanke  mit 10 Prozent weniger Wasserdurchströmung auskommen. Im Planfeststellungsverfahren mussten Nachweise zu den Fahrrinnen und zu Hochwassersituationen getroffen werden. Jährlich wird der Altarm vermessen, die Entwicklung soll ablaufen wie berechnet. Sonst muss nachgearbeitet werden, erklärt Buchta. „Damit sollte die Stadt als Trägerschaft aber nicht belastet werden“, fügt er hinzu. Buchta lobt die Stadt für ihren Einsatz. 1,4 Millionen Euro hat das Projekt gekostet, es wurde zu 100 Prozent von der Investitionsbank des Landes Brandenburg gefördert. Dabei hätte man Geld sparen können. Denn etwa ein Drittel der Kosten flossen in den Abtransport des Aushubes. Der müsse in Brandenburg abgefahren werden, das sei aber nicht in jedem Bundesland so, erklärt Buchta.

Auch die Freizeitkapitäne haben diesen Teil der Havel bereits für sich entdeckt

Die Kahnfahrt führt an einem Schwanennest vorbei, Froschgesang begleitet die Tour. Es sind schon einige Freizeitboote, wie auch größere Hausboote, unterwegs. Die junge Schönheit der Natur lockt Ausflügler und Touristen, was Bürgermeister Tebling begrüßt. Allerdings müsse es auch mehr touristische Angebote geben, sagt er. Da passt es, dass es Pläne gibt, das „Bootshaus Milower Brücke“ wiederzubeleben. Zukünftig soll dort eine sportliche und touristische Nutzung wieder möglich sein, verrät Tebling. „Wir freuen uns über Touristen am meisten, wenn sie die schöne Natur so verlassen, wie sie sie vorgefunden haben“, fügt Tebling hinzu.

Und überall Seerosen

Bereits im letzten Jahr hatte viele Urlauber die heimischen Gewässer für sich entdeckt. Das geht nicht immer konfliktfrei einher, wildes campen, im Schilf ankern und Müllberge sind unerfreuliche Nebenprodukte. Rocco Buchta würde sich wünschen, dass die Wasserpolizei hier mehr kontrolliert: „Und geltendes Recht durchsetzt.“

Mögelin von der Wasserseite betrachtet

Dann haben auch Kiebitz, Bekassine und Rohrdommel wieder eine Chance. Buchta sagt, er habe beobachtet, dort wo die Natur reaktiviert wird, kommen auch die Tiere zurück oder vermehren sich wieder. Gute Chancen für Müller, bald wieder den Ruf der Rohrdommel zu hören.

Wettbewerbsfähigkeit und internationaler Klimaschutz im „Fit for 55“-Paket: Wie sich die EU vor Carbon Leakage schützen kann

Pressemitteilung des Kopernikus-Projekts Ariadne vom 8. Juli 2021



Wenn die Europäische Union ihr „Fit for 55“-Paket vorstellt, ist klar: CO2-Emissionen müssen teurer werden. Doch die Industrie steht im Spannungsfeld von Klimaschutz und Wettbewerb. Was also tun, wenn zwar der Klimawandel keine Grenzen kennt, wohl aber nationale Klimapolitiken und der internationale Handel? Fachleute des Kopernikus-Projekts Ariadne haben jetzt durchleuchtet, wie die EU Carbon Leakage vermeiden und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie erhalten kann. Ihre neue Studie analysiert Chancen wie Risiken und zeigt auf, warum Europa bei der schwierigen Frage des Grenzausgleichs vor einer grundlegenden strategischen Entscheidung steht.

Mit dem so genannten Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) will die EU einen Ausgleich schaffen für energieintensive Branchen wie die Stahl- oder Chemieindustrie, die im internationalen Handel mit Unternehmen aus Ländern mit keinen oder laxeren Klimapolitiken konkurrieren. Denn wandern Industrien durch höhere CO2-Preise aus der EU ab, werden Emissionen nicht gesenkt, sondern lediglich verlagert – für den Klimaschutz wäre damit nichts gewonnen.

Um dies zu vermeiden, kann die EU zwei Wege einschlagen: Mit dem Grenzausgleich im engeren Sinne können Importe z.B. mit einer CO2-Steuer belegt oder in den bestehenden Emissionshandel einbezogen werden. Die Alternative setzt beim Konsum an: Mit einer Verbrauchsabgabe würde eine Abgabe auf den CO2-Gehalt bei Endprodukten erhoben. Das betrifft dann nicht nur Importe, sondern auch heimische Produkte, nicht aber Exporte der EU in andere Länder. Die unterschiedlichen Auswirkungen dieser beiden Optionen auf außenpolitische Beziehungen, die Kooperation im internationalen Klimaschutz und die bestehende EU-Klimaschutzgesetzgebung sowie juristische Fragen mit Blick auf das WTO- und das EU-Recht werden im Kurzdossier des vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Ariadne-Projekts detailliert gegenübergestellt.

Richtungsentscheidung: Strategie nach innen oder nach außen?


„Unterm Strich läuft es auf eine fundamentale Frage hinaus: Will die EU sich mit einer Verbrauchsabgabe primär nach innen absichern oder setzt sie mithilfe eines Grenzausgleichs auf eine nach außen gerichtete Strategie und den internationalen Klimaschutz?“, erklärt Nils aus dem Moore vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. „Bislang gibt es zwar kaum empirische Nachweise für Carbon Leakage, im Zuge des European Green Deal stößt das bisherige Instrumentarium der freien Zuteilung von Zertifikaten jedoch an seine Grenzen. Es braucht neue Politikmaßnahmen, um die Industrie zunächst weiter zu schützen und sie zugleich fit zu machen für ein klimaneutrales Europa“.

Mit einer Verbrauchsabgabe würde die EU weltweite Unterschiede im klimapolitischen Ambitionsniveau gewissermaßen als unabänderlich akzeptieren und einen dauerhaften Wechsel hin zu einer vollständig konsumbasierten Emissions-Bepreisung im eigenen Markt vollziehen. Dabei geht sie dann gleichzeitig hohe Risiken im Hinblick auf Wohlfahrt und Lebensstandards in ihren eigenen Gesellschaften ein. Richtet sie ihre Strategie dagegen mit einem Grenzausgleich im engeren Sinne nach außen, riskiert sie zwar den Konflikt mit Handelspartnern wie etwa den USA oder China. Sie wirkt aber auch aktiv auf international abgestimmten Klimaschutz hin, um langfristig ausgeglichene Wettbewerbsbedingungen zu erreichen.

„Die Strategie für ambitionierten Klimaschutz der EU ist auch eine „Wette“ auf internationale Klimaschutzbemühungen und entsprechende gemeinsame Anstrengungen zur Zielerreichung – im Guten wie im Schlechten“, sagt Studienautor Kai Hufendiek vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart. „Machen sich wichtige Akteure der Weltgemeinschaft nicht übereinstimmend auf den Weg hin zur Klimaneutralität, so werden zur Absicherung dieser Strategie geeignete Schutzinstrumente benötigt. Vorteilhafte Schutzinstrumente sind dabei die, die einerseits unnötig werden, sobald die anderen Akteure ihren Ankündigungen Taten folgen lassen und einen ähnlichen Weg zur Klimaneutralität einschlagen. Und die andererseits aber auch klare Wirkung entfalten, sollte es nicht so kommen. Das ist wichtig, damit die EU-Industrie in diesem Rennen gut aufgestellt ist.“

„Unsere Studie zeigt, dass den kurzfristigen Risiken für die internationale Wettbewerbsfähigkeit mittel- bis langfristig erhebliche Chancen gegenüberstehen. Als Teil eines Gesamtpakets für wirksamen Carbon-Leakage-Schutz brauchen wir daher auch Instrumente, um klimafreundliche Innovationen zu fördern und Anreize zu schaffen für Investitionen in nachhaltige Produktionsprozesse. Dazu gehört auch eine stringente und glaubwürdige CO2-Bepreisung. So kann sich die Europäische Industrie für den Wettlauf um zukunftsfähige Technologien positionieren und gleichzeitig Nachzügler im internationalen Klimaschutz inspirieren“, so Studienautor Benjamin Görlach vom Ecologic Institute.

Wohin zieht es die Havelländer Dohlen?

Mit einer Beringungsaktion soll das Verhalten der Dohlen im Osthavelland erforscht werden

Text & Fotos von Silvia Passow

Nauen/Börnicke.   Auch Dohlen haben verschiedene Charaktere. Während die einen sich friedlich die Flügel vermessen, wiegen und anschließend Ringe anlegen lassen, sind andere nicht für diese Art der Behandlung empfänglich. Sie flattern unruhig, doch keines der Tiere mit dem eindrucksvollen Schnabel und respekteinflößenden Krallen wehrt sich ernsthaft. „Vielleicht hatten sie heute einfach nur etwas Besseres vor“, scherzt Konrad Bauer, Turmvogelexperte des NABU Osthavelland. Für Bauer geht dieser Tage ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung. Die von ihm betreuten Turmvögel werden beringt. Damit wird der Artenschutz im Osthavelland durch wissenschaftliche Aufzeichnungen ergänzt.

Mit dem Beringen erfüllt sich für Konrad Bauer vom NABU ein langersehnter Traum.

Konrad Bauer kümmert sich seit Jahren um die Dohlen, Turmfalken und Schleiereulen, die in den Kirchtürmen, Scheunen und Trafo-Häuschen ihre Behausungen haben. Mit den von ihm und seinem Team angebrachten Nistkästen verschafft er den Tieren sichere Bedingungen für die Aufzucht ihrer Jungen. Wie erst kürzlich bekannt wurde, stuft das Landesamt für Umwelt rund 6000 der 15 000 in Brandenburg lebenden Tiere, als gefährdet ein. Knapp 600 Arten gelten als akut gefährdet, 389 Arten sind bereits ausgestorben. Die kleine Dohle ist in Brandenburg stark gefährdet, im benachbarten Berlin gar vom Aussterben bedroht, erklärt Luis Langfeld. Der 21jährige Medizinstudent aus Berlin unterstützt Bauer derzeit. Er hat einen sogenannten Beringerschein, darf also die Wildvögel mit Ringen ausstatten. An die linken Beinchen kommen Ringe aus Metall der Vogelwarte auf Hiddensee, ans rechte Beinchen bringt Langfeld einen Kunststoffring an. Dieser trägt eine individuelle Kennung, die auch aus einiger Entfernung mit einem Fernglas lesbar ist. Beringt werden nur die Jungvögel, Bauer hofft damit mehr über den Lebenslauf der Vögel zu erfahren. Wie alt sie werden und wohin sie fliegen. Er kontrolliert regelmäßig die Nistkästen, führt Statistiken, mit den Daten aus der Beringung erhofft er sich weiterführende Erkenntnisse.

Fast schon wie ein professionelles Fotomodell verhält sich diese kleine Dohle.

Wenn man die Vögel dann schon mal zur Hand hat, werden sie auch gleich vermessen, Körperlänge, die Flügel, Gewichte, alles wird säuberlich erfasst und in Tabellen getragen. Langfeld hat das Beringen auf der Greifswalder Oie beim Verein Jordsand gelernt. Die in der südlichen Ostsee gelegene Insel Greifswalder Oie ist nur 54 Hektar groß, doch bietet sie unzähligen Vögeln eine Heimat, viele Zugvögel machen auf ihren Reisen Station.

Vorsichtig werden die jungen Vögel aus den Nistkästen geholt und gleich nach der Beringung auch wieder zurückgesetzt.

Das Turmvogel-Team mit Konrad Bauer hat 15 Brutplätze der Dohlen im Osthavelland kontrolliert. In 11 Kirchtürmen konnten 126 Dohlenküken gezählt werden, dazu kommen noch 31 Küken aus anderen Nistkästen. Insgesamt zählte Bauer 52 Brutpaare mit 157 Küken. Den Brutrekord hält in diesem Jahr ein Dohlenpaar aus Niebede mit fünf Jungdohlen. Es gibt also reichlich zu tun. In Pessin haben Langfeld und das Turmvogel-Team 12 Jungdohlen beringt, ein weiteres Dutzend aus einer Scheune in Brädikow trägt nun ebenfalls Ringe. Weiter ging es in der Kirche in Bredow. In Börnicke konnten in der Kirche 8 von 12 Jungdohlen beringt werden. Hier sind die ersten Vögel bereits flügge. In Börnicke nisten auch die Turmfalken erfolgreich, fünf Junge konnten im Nest gesichtet werden und ein Ei. Auch die Schleiereule war fleißig und hat bereits drei Eier. Die Turmvögel, sagt Bauer, ergänzen einander oft, zieht eine Art ein, folgen nicht selten auch andere. In Börnicke konnte beim Beringen zugesehen werden. Hier wurde dann die 40. Jungdohle beringt.

Im letzten Jahr hatte Konrad Bauer die Kirche in Börnicke mit der Urkunde und der Plakette “Lebensraum Kirche” ausgezeichnet.

Ebenfalls in Börnicke hatte Bauer auch das Experiment gestartet und Dohlenkästen unterhalb eines Storchennestes angebracht. Von den vier Kästen sind drei von Dohlen bewohnt, sagt Bauer. Und die Störche sitzen oben in ihrem Nest mit Aussicht. Die Untermieter stören offensichtlich nicht, solange sie die Übersicht haben, sind sie mit der Nachbarschaft zufrieden. Übersicht soll auch die Beringung bringen. Konrad Bauer sagt, er sei schon sehr gespannt, ob die Dohlen in der Nähe bleiben oder sprichwörtlich da Weite suchen. Ob die kleinen Rabenvögel überall so viel Aufmerksamkeit bekommen wie im Osthavelland ist allerdings eher fraglich.